Aus fränkischer Feder

Hier werden Ihnen in loser Folge literarische Kostproben unserer Mitglieder vorgestellt. Diesmal eine Kurzgeschichte von Julie Constantin, die sie erstmals in der Ausgabe 4/2018 des phantastisch! Magazins veröffentlicht hat.


Mein Gespräch mit dem Tod

Da stand ich nun am Rand eines Hochhausdaches und blickte hinab in die schwindelerregende Tiefe der Häuserschluchten.

Es war bereits dunkel und es wehte ein heftiger Wind hier oben. Mein Namensschild tanzte im Wind. Nur der Metallclip hielt es an der Brusttasche meines Hemdes. „Oliver Wolf“ stand darauf in dicken Buchstaben und darunter in ganz klein: Kundenbetreuer. Es zappelte wie ein Fisch an der Angel. Ich rupfte es ab und übergab es dem Wind, der es in Spiralen nach unten auf die Straße trug. Ich schaute dem Schild nach, doch bereits nach einigen Stockwerken war es meinem Blick entschwunden. Wie meine Zukunft.

„Arbeite hart“, hatte mein Vater zu mir gesagt, damals als er noch lebte. „Sonst wirst du es zu nichts bringen.“

Ich hatte hart gearbeitet und habe es doch zu nichts gebracht. Mein Leben zerrann mir zwischen den Fingern. Mit 35 Kundenbetreuer bei einer popeligen Mittelstandsfirma ohne Aufstiegschancen zu sein, mit schlechter Bezahlung und unzähligen Überstunden, das war nicht das, was ich für mich selbst wollte. Nie.

Ich hatte keine Ahnung, wie spät es war, alles war ziemlich verschwommen. Es musste ungefähr acht Uhr abends sein, plus minus zwei bis fünf Stunden. Die Neonreklamen unter mir lockten mit ihren bunten Lichtern die Menschen in die Bars und Geschäfte. Unten fuhren Autos vorbei und fluteten mit ihren Scheinwerferkegeln die Straße. Ab und zu hupte einer. Das Rauschen des Verkehrs hörte sich an wie das Rauschen des Meeres. Das Meer. Da war ich auch noch nie gewesen. Was hatte ich eigentlich mit meinem Leben gemacht? Ich wollte so viel tun und tat es nie. Ich hatte nicht mal eine Freundin. Die Letzte hatte mich vor Jahren verlassen, für einen anderen Mann mit einem dicken Auto und einem Pool hinter dem Haus. Tja, so war das.

Als ich so in die Tiefe starrte, kam mir ein seltsamer Gedanke. Im Grunde befand ich mich auf einem Übergang, an einer Grenze zwischen Leben und Tod. Solange ich hier auf der niedrigen Betonmauer des Hochhauses stand, befand ich mich in der Welt der Lebenden. Doch sobald ich einen Schritt nach vorne machte, würde ich mich in einer anderen Welt befinden – der Welt der Toten.

„Das ist ein sehr interessanter Gedanke“, sagte eine dunkle Stimme neben mir. Ich zuckte unweigerlich zusammen. Hier oben rechnete ich nicht mit Besuch. Mit offenem Mund starrte ich den Mann an, der neben mir auf der Mauer stand. Sein kinnlanges Haar war weiß und seine Iris schimmerte Lila. Er trug einen schwarzen Filzhut mit breiter Krempe, eine schwarze Jacke mit dicken, silbernen Knöpfen und eine schwarze Hose aus Leder. Am Revers prangte ein silberner Anhänger, der aussah wie eine Sense. Das seltsamste an ihm aber war seine Haut. Sie verhielt sich auf eine krude Art und Weise wie klares, gefrorenes Eis. Jedes Mal, wenn er seinen Kopf bewegte und Licht in einem bestimmten Winkel darauf fiel, schimmerte sein Schädel durch die Oberfläche. Auch an seinen Händen sah ich die Fingerknochen durchscheinen, wenn ich den richtigen Blickwinkel erhaschte.

„Was machen Sie hier oben?“, fragte ich ihn leicht entsetzt.

„Was machen Sie denn hier oben?“, entgegnete er.

„Nach was sieht es denn aus?“

Er grinste. „War nur eine rein rhetorische Frage.“

„Wer sind Sie?“

„Ich bin der Tod.“

„Sie sehen nicht aus wie der Tod.“

„Mich gibt es in unendlich vielen Formen.“

„Dann werde ich springen, nicht wahr?“

„Ich bin der Tod, nicht die Zukunft.“

„Bin ich schon gesprungen?“

„Das ist eine sehr existenzielle Frage. Sind Sie?“ Er wischte sich seine vom Wind zerzausten Haare aus der Stirn.

„Wollen Sie mich verarschen?“ Vielleicht hätte ich den Tod lieber nicht anblaffen sollen, allerdings … was hatte ich schon zu verlieren?

„Das machen Sie schon selbst. Immerhin stehen Sie hier am Abgrund.“

„Was soll das denn jetzt heißen. Meinen Sie vielleicht, ich stehe grundlos hier?“ Ich wurde etwas lauter. Was dachte der Typ sich eigentlich.

„Am Grab der meisten Menschen trauert, tief verschleiert, ihr ungelebtes Leben.“

„Was?“

„Von Georg Jellinek. Ich finde, das trifft es ganz gut.“

„Was wird das? Das große Zitate-Raten oder was? Ich möchte in Ruhe springen!“

„Dann springen Sie doch.“

„Wie bitte?“ Ich sah ihn ungläubig an.

„Ich bin der Tod, nicht Mutter Theresa.“ Sein Grinsen wurde breiter und er zeigte dabei seine Zähne. Seine Schneidezähne waren lang und spitz, wie die eines Vampirs.

Ich wandte meinen Blick von ihm ab und sah nach unten zu den fahrenden Autos. Mein Herz raste.

Gleich würde ich springen. Gleich ... Gleich ...

„Sie sind ja immer noch da“, sagte Tod.

„Könnten Sie vielleicht mal die Klappe halten? Das ist nicht so einfach!“

„Was soll denn daran schwer sein? Alles, was Sie tun müssen, ist einen Schritt nach vorne zu machen.“

„Hören Sie auf, mich zu drängen!“

„Spring“, hauchte er. „Spring, mein Schatz.“ Wieder bleckte er grinsend seine Zähne.

Ich bekam eine Gänsehaut. Mir war eiskalt. Seit wann duzten wir uns überhaupt? Der Typ hatte wirklich keinen Respekt.

„Niemals wirst du das Meer sehen“, hauchte er in mein Ohr. „Niemals wirst du werden, was du sein wolltest. Nichts wird von dir bleiben. Nicht mal das Fleisch an deinen Knochen.“

„Lassen Sie diesen Quatsch!“ Ich stieß ihn von mir, doch er taumelte nicht einmal. Es war, als hätte ich in die Luft gegriffen.

„Schhht!“, Tod legte den Zeigefinger auf die Lippen. „Hörst du das?“ Er tat, als ob er lauschte.

„Ich höre nichts, nur den Wind.“ Aber dann war mir doch, als würde ich ganz weit entfernt und sehr leise ein Ticken hören.

„Das ist deine Lebensuhr. Deine Zeit läuft ab. Sie zerrinnt dir zwischen den Fingern.“

„Natürlich tut sie das, ich versuche gerade mich umzubringen. Wenn Sie mich nicht andauernd zuquasseln würden, wäre ich schon längst gesprungen!“

„Du bist menschlich, dein Leben ist im universellen Vergleich so oder so sehr kurz. Willst du es wirklich noch mehr verkürzen?“

„Es hat keinen Sinn. Wenn ich wirklich machen würde, was ich wollte, müsste ich meine Arbeit aufgeben. Ich müsste noch mal ganz von vorne anfangen. Und was, wenn es dann nichts wird?“

„Hm?“ Tod zog eine seiner weißen Augenbrauen nach oben.

„Was, wenn ich versage?“

„Jetzt pass mal auf“, fuhr er mich plötzlich an und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Hey, was soll-“

„Hör mir zu“, Tod hatte einen ähnlichen Tonfall wie die Schlange Ka, als sie Mogli hypnotisierte. „Was hast du denn zu verlieren, hm? Du stehst hier oben auf dem höchsten Wolkenkratzer der Stadt und willst springen. Denk mal drüber nach.“

„Aber ich bin ein Versager, ich habe es zu nichts gebracht. Ich hasse mein Leben. Ich will nicht mehr!“

„Du bist ein Feigling, der sich immerzu nur selbst bemitleidet“, zischte er.

Das saß. Bevor ich abtrat, wollte ich garantiert nicht einen Feigling genannt werden.

„Immer diese Verschwendung von Leben,“, fuhr er fort. „Ihr Menschen seid nicht hier, um zu sterben! Ihr seid hier, um zu leben!“ Er packte mich am Kragen und schüttelte mich. „Also leb gefälligst!“ Ein Donnern lag in seiner Stimme, als würde ein Gott durch ihn sprechen.

„Und wenn ich nicht will? Was willst du dann tun, mich umbringen?“ Ich lachte gehässig. Eigentlich fand ich es gar nicht komisch.

Natürlich hat er mich nicht umgebracht und ich bin auch nicht gesprungen. Deshalb saß ich anschließend in einer schummrigen, kleinen Bar mit blumenberankter Jugendstil-Wandverzierung Tod gegenüber, der geräuschvoll einen Kaffee schlürfte. Schwarz. Ich wusste nicht, wie es weitergehen sollte, aber dort oben auf dem Hochhausdach hatte ich begriffen, dass er recht hatte. Wir sind hier, um zu leben.

Als ich nachts zu Hause ankam, schrieb ich als erstes meine Kündigung. Danach machte ich keine Kompromisse mehr. Es war manchmal nicht leicht, doch es war großartig. Tod sah ich erst nach meinem 89. Geburtstag wieder. Wie schnell so ein Leben doch vergeht. Seinen furchtbaren Sinn für Humor hat er übrigens immer noch.